Zum Beispiel Ulrichstein

Zum Beispiel Ulrichstein:

Chancen des Modellvorhabens "Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen"

 

INFORMATIONEN ZUM MODELLPROJEKT

 

ARGUMENTE FÜR EINEN PROJEKTSTANDORT ULRICHSTEIN

Welche Probleme hinsichtlich der Sicherung von Versorgung und Mobilität bestehen speziell in Ulrichstein? Und warum wäre die Auswahl von Ulrichstein als beispielhafter Projektstandort vordringlich?

Ein gewichtiges Argument im positiven Sinne wäre zunächst, dass hier vor acht Jahren auf Initiative der Stadt und mit Unterstützung der HAL bereits ein auf umfassender Bürgerbe-teiligung basierendes Projekt "Demografischer Wandel im ländlichen Raum - Perspektiven für Ulrichstein" durchgeführt wurde, an das ohne die üblichen Anlaufschwierigkeiten direkt ange-knüpft werden könnte. Hier ist die in der Projektbeschreibung "Langfristige Sicherung..." ein-geforderte "Bürgerbeteiligung von Beginn an" bereits in vorbildlicher Weise "eingeübt" und überzeugend beschrieben worden. Die damals federführenden Fachleute stünden für eine Fortführung des Projekts noch zur Verfügung, wenn auch vielleicht nicht mehr auf rein ehren-amtlicher Grundlage wie im Jahr 2008/2009.

Konkret könnte die damalige Bestandsaufnahme der Probleme und Perspektiven der Stadt Ulrichstein mit folgenden Fragestellungen sofort wieder aufgenommen werden:

  • Welche von den damals erarbeiteten Handlungsempfehlungen wurde während der vergangenen 8 Jahre praktisch umgesetzt?
  • Wäre in dieser Zeit mehr möglich gewesen?  
  • Warum konnte nicht mehr erreicht werden?
  • Wie sind die seinerzeit erarbeiteten Analysen und Handlungsansätze aus zeitlichem Abstand zu beurteilen (Was hat man damals noch nicht gesehen, was würde man aktuell anders formulieren oder entscheiden)? 
  • Inwieweit müssen die Analysen und Handlungsempfehlungen aus dem Jahr 2008/ 2009 aktualisiert werden?
  • Welche realistischen Chancen hinsichtlich Umsetzbarkeit und Wirksamkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen, Handlungsansätze usw. bestehen vor dem Hinter-grund der wirtschaftlichen Lage der Stadt bzw. der zu erwartenden Entwicklungen in Stadt und Region? 

Welche Faktoren gefährden die Zukunft der Stadt Ulrichstein als Versorgungszentrum?

Die Großgemeinde Ulrichstein besitzt zwar mit der "Stadt" einen eigenen, historisch gewach-senen "Mittelpunkt", der prädestiniert wäre, als Versorgungszentrum für die eingemeindeten dörflichen Ortsteile zu fungieren.
 
Die Stadt wird in dem Abschlussbericht des Raumordnungsprojekts "MORO" aus den Jahren 2011-2013, siehe 
den "starken Orten" (Kategorie B) zugerechnet, die den Handlungsempfehlungen der Auswer-tung entsprechend "weiter [zu] stärken" sind, deren Entwicklungsmöglichkeiten - auch plane-risch -  als Innenentwicklung abgesichert und deren Erreichbarkeit erhöht werden soll.  
Hierbei wurden allerdings nur sehr grobe Kriterien für die "Lage und Ausstattungsgunst" (Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen = 30% Wichtung, vorhandene Infrastruktur = 70% Wich-tung) angelegt, die den besonderen Gegebenheiten in Ulrichstein kaum Rechnung tragen.
 
Ulrichstein kann zwar von seiner topographischen Lage als "höchstgelegene Stadt Hessens" unter touristischen Gesichtspunkten profitieren. Unter Gesichtspunkten der Entwicklung von Handel, produzierendem Gewerbe und Dienstleistungen muss eine Lage im Zentrum der höchsten Erhebungen des Vogelsbergkreises mit nach allen Seiten abfallendem Landschafts-profil als nachteilig angesehen werden. Hier wirkt sich eine Gesetzmäßigkeit aus, die im ge-samten Kreisgebiet eine Entstehung starker Oberzentren verhindert hat. Für Ulrichstein ist festzustellen, dass die Topografie sich zu Ungunsten auch der Entwicklung zum Mittelzentrum auswirkt. Im Umkreis der Stadt Ulrichstein - zu den Tallagen hin - haben sich mehrere Orte zu attraktiven Einkaufszentren mit mehreren Supermärkten einschließlich großer Discounter ent-wickelt (Laubach, Mücke-Flensungen) bzw. gelten diese zusätzlich als auch unter touristi-schen Aspekten wesentlich attraktiver (Lauterbach, Schotten, Nidda/Bad Salzhausen, Grün-berg, Alsfeld, Homberg/Ohm, Gedern). Selbst "Großstädte" wie Fulda, Gießen oder Marburg sind nur ca. 40-50 km entfernt, relativ schnell erreichbar (Bundesstraßen, Autobahn) und auf diese Weise eine starke Konkurrenz, die zentrifugale Kräfte verstärkt.        
 
Über Jahrzehnte konnte Ulrichstein diesen Nachteil aufgrund der Stärke des örtlichen Frem-denverkehrs (Hotelgastronomie, Feriendorf) ausgleichen und mit dem Tourismus ein wirt-schaftliches Gegengewicht schaffen. Den eigenen Charakter als touristischer Anziehungs-punkt hat die Stadt jedoch inzwischen weitgehend verloren. Zur Illustration:
Die Folgen sind fatal. Die eigenen Bürger gehen in den benachbarten Zentren einkaufen oder bummeln, essen usw., Bürger aus Nachbargemeinden oder gar Touristen, die Ulrichstein früher in Massen aufsuchten (der Sonntagsausflug der Familie nach Ulrichstein war "Kult" und Ulrichstein war der mit Abstand übernachtungsstärkste Ort im gesamten VB!) haben sich längst auf andere Einkaufs- und Ausflugsziele orientiert. Vor allem die vom Stadtkern weiter entfernten dörflichen Stadtteile sind nicht auf das eigene Zentrum fokussiert, sondern orientieren sich zu den Rändern, besonders stark nach Schotten/Nidda, aber auch nach Lauterbach, Alsfeld, Fulda).
 
Die Neuorientierung auf das Alleinstellungsmerkmal "Windkraftgemeinde" (kommunale Wind- parks und Bürgerwindparks" als Haupteinnahmequelle) einschließlich der Idee von einer Ver-bindung von Zukunftstechnologie und Tourismus (Einrichtung eines Innovationszentrums, Führungen zu den Windkraftanlagen) hat die Einbußen im Bereich Hotelerie und Gastge-werbe nicht ausgleichen können. Ulrichstein ist hinsichtlich der Übernachtungszahlen auf einen hinteren Platz im Vergleich zu den Mitbewerbern der Umgebung (Herbstein, Lauter-bach, Homberg/Ohm, Grebenhain, Alsfeld usw.) zurückgefallen. Es rächt sich die Vernach-lässigung touristischer Aspekte (Ortsbild, Gastronomie, Hotelerie, Camping usw.) zu Gunsten einer Industrialisierung der Landschaft (Windkraftanlagen). Alte Sünden kommen hinzu, wie etwa die Vernachlässigung der historischen Bausubstanz im Ortskern und des typischen Cha-rakters des Ortsbildes als um die zentrale "Burg" gruppierte "Bergstadt" im Zuge einer "Mo-dernisierung" der Kernstadt (typische Zersiedlung durch Ausweisung überdimensionierter Neubaugebiete).
 
ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN
 
Man kann angesichts dieser wenig erfreulichen Bilanz der letzten 25 Jahre Stadtentwicklung nun aber nicht den Schluss ziehen, Ulrichstein zu Gunsten benachbarter "Versorgungs-zentren" einfach weiter austrocknen zu lassen. Dies würde der bisherigen Regionalplanung sowie dem Ziel der Herstellung vergleichbarer Lebensverhältnisse widersprechen, das insbe-sondere die Vermeidung langer Wege zu den Angeboten der Daseinsvorsorge und Versor-gung beinhaltet. Zumindest müsste als Ausgleich für den Verlust der Zentralfunktion der Stadt Ulrichstein ein wesentlich verbessertes Mobilitätsangebot zur Verfügung gestellt werden, das von den Rändern der Stadt Ulrichstein auf die jeweils nächstgelegenen Versorgungszentren in den Nachbargemeinden ausgerichtet ist.  
 
Alternativ müssten Konzepte entwickelt werden, zumindest die Bewohner der eigenen Orts-teile wieder als Kunden für den Einzelhandel der Kernstadt zu gewinnen und auch den Touris-mus wieder zu beleben. Neue Angebote wie die in der HAL-Studie bereits angesprochenen neuen Wohnformen (Seniorendorf usw.) könnten die Attraktivität als Wohnort zusätzlich stei-gern und in nennenswertem Umfang Zuzug generieren. Ein erster Versuch in dieser Richtung wurde bereits auf Privatinitiative hin unternommen, scheiterte aber vorerst an undurchsich-tigen Wirtschaftsinteressen, menschlicher Unzulänglichkeit (Intrigen) oder fehlender Einsicht der Kommunalpolitik. Aber Schritte in die richtige Richtung (Neubelebung des Feriendorfs Ulrichstein, eine der Forderungen der HAL-Studie von 2009) sind trotzdem festzustellen (Zuzug von "Altersresidenten"). Durch gezielte und professionelle Fördermaßnahmen könnte ein neuer Wirtschaftszweig entstehen (weiterer Ausbau alternativer Wohnformen für Senioren aus dem Ballungsraum Rhein-Main, die preiswerte Alternativen zu den explodierenden Großstadtmieten suchen müssen).
 
Ein weiterer Ausbau der Infrastruktur der Stadt Ulrichstein nach dem Vorbild der be-nachbarten Orte mit attraktiven Einkaufszentren wäre trotzdem nicht zu erwarten. Die Ein-wohnerzahl von 3000 für sämtliche Ortsteile der Stadt Ulrichstein ist schlichtweg zu gering. Filialen von Drogerieketten, Discountern usw. sind für die Unternehmen erst ab 10.000 bis 15.000 Einwohnern rentabel.  
Eine gewisse Chance für den örtlichen Einzelhandel in Ulrichstein liegt aber vielleicht in der Veränderung der Einzelhandelsstrukturen durch den Onlinehandel (Weiterentwicklung von Supermärkten zu Distributionszentren). Vielleicht könnte in Ulrichstein, in dem es nur einen größeren Supermarkt (Rewe) gibt, das erste kombinierte Einkaufs- und Online-Distributions-zentrum entstehen, dessen Lieferverkehr zugleich die Funktion eines Bürgerbusses oder Bürgertaxis erfüllt (integratives Mobilitätskonzept). Anlaufstellen/Abholstationen/Haltestellen könnten ehrenamtlich betriebene Mischformen aus Internetcafe, Dorfladen und Freiwilligen-agentur werden, die mit dem Distributionszentrum kooperieren.
Leitbild eines solchen Modells wäre die Unterstützung von Senioren oder sozial Schwachen ohne Auto, denn besser situierte und individuell motorisierte Bürger brauchen weder wohn-ortnahe Einkaufsmöglichkeiten noch integrierte Mobilitätskonzepte. Sie fahren einfach in den nächstgrößeren Ort, wenn der örtliche Supermarkt schließt. Es gibt aber eine wachsende Zahl von nicht (mehr) motorisierten Menschen, die diese Ausweichmöglichkeit nicht haben.
 
Ein solches gemeindeinternes Projekt entspräöche übrigens durchaus den Förderrichtlinien des Modellvorhabens "Langfristige Sicherung...", auch wenn interkommunale Kooperationen deutlich in den Vordergrund gestellt werden. So heißt es in dem "Aufruf" des BMVI zu dem Modellvorhaben ausdrücklichdass Konzepte zur Bündelung von Infrastruktur (Kinderta-gesstätten, Schulen, Feuerwehr, Rettungswesen, Einrichtungen der medizinischen Versor-gung und Pflege sowie Angebote der Nahversorgung an "räumlich möglichst gut erreichbaren Standorten" und "in multifunktionalen Gebäuden bzw. Zentren" sowohl "innerhalb von Gemeinden" als auch "gemeindeübergreifend" förderbar sind. Einer Einzelbewerbung Ulrichsteins um Aufnahme in das Modellprojekt stünde also nichts im Wege. Es müsste nur perspektivisch festgelegt werden, welche Ideen man auf der Grundlage des bisherigen Bürgerbeteiligungsansatzes zur "Serienreife" entwickeln und praktisch in Angriff nehmen will.
 
 
Ulrich Lange