Best-Practice-Inflation

Die "Best Practice"-Inflation

"Best-Practice" wird auf allen Ebenen der Freiwilligen-PR gern als motivationaler Appetizer eingesetzt. Denn Ehrenamtliche sind billig und nur guter Rat ist teuer. Da-bei ist es keineswegs so, dass erfolgreiche Beispiele von anderswo zur massenhaf-ten Verbreitung erfolgverspechender Projektideen führen. 

Derzeit werden auf allen Ebenen der Freiwilligenarbeit wie wild "Modellprojekte" aus der Taufe gehoben und Hunderttausende Euro für "Begleitforschung" verplempert, die nachweisen soll, dass sich aus einzelnen "Best-Praktice"-Beispielen mühelos ein flächendeckendes tertiäres System der Daseinsvorsorge machen lässt, das fast nichts kostet, weil ja alle so wahnsinnig engagiert sind und "für umme" arbeiten. Am Ende sind dann viele bunte Broschüren und Flyer gedruckt, die derart "streuen", dass sie zuletzt die Straßenreinigung entsorgt. Ein angekündigtes "Projekt-Hand-buch" wird dann plötzlich zur mageren Faltbroschüre abgespeckt, und der Ab-schlussbericht der Begleitforscher zum Modellprojekt erscheint gar nicht erst. Stattdessen wird unter irgendeinem neuen Mode-Schlagwort die nächste Stroh-feuer-Aktion gestartet. 

Ein anschauliches Beispiel liefern Generationenhilfe- oder Nachbarschaftshilfe-Pro-jekte, die derzeit auf der Favoritenliste der Kampagnen-Politik ganz oben stehen, weil sich damit die befürchteten Versorgungslücken infolge des demografischen Wandels schließen und die Kosten massenhafter stationärer Pflege dämpfen lassen. Dabei weiß man längst, dass Nachbarschaftshilfevereine oder Senioren-genossenschaften nur unter besonders günstigen, zumeist eher zufälligen Rahmen-bedingungen gedeihen und ohne Einsatz teurer Manpower für fachliche Beratung zumeist im Sande verlaufen. Dies bestätigen z.B. die MORO-Informationen 10/3 – 11/2013, S.13), wo es heißt:
 
>> Auf einer eher grundsätzlichen Ebene lässt sich Handlungsbedarf ableiten, wenn ältere Menschen in ihrer alltäglichen Lebensführung auf Unterstützung angewiesen sind. Die Einführung der Pflegeversicherung 1994 war bereits eine erste Reaktion auf eine diesbezügliche Lücke zwischen den begrenzten innerfamiliären Unterstützungsmöglich-keiten und den Leistungen des Gesundheitssystems. Die Sozialhilfe hat bis dato eine Teilfinanzierung der Pflege geleistet. Allerdings beschränken sich die Pflegeversicherung und die von ihr finanzierten Leistungen bislang auf einen Pflegebedarf, der in der Regel erst bei recht massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen (oder Behinderungen) auf-tritt. In der Konsequenz greifen die über die Pflegekassen finanzierten Leistungen erst, wenn die Unterstützungsbedürftigkeit schon recht weit fortgeschritten ist. Kleinere All-tagshilfen im Übergangsbereich zu typischen haushaltsnahen Dienstleistungen (Ein-kaufshilfen, Fahrdienste, Putzhilfen, soziale Betreuung, präventive Maßnahmen der Ge-sunderhaltung) oder auch ein episodischer Unterstützungsbedarf (z.B. im Falle einer akuten Erkrankung) werden kaum abgedeckt. Auch wenn der Pflegebegriff eine in diese Richtung gehende Interpretation zulässt, behindern Finanzierungsengpässe und Fach-kräftemangel die Einlösung entsprechender Ansprüche.  Dies  wird  am  besten  im inter-nationalen Vergleich sichtbar, in dem sich  die   deutsche  Pflegeversicherung als  eher  sparsam  finanziert  und  dementsprechend auf pflegerische Kernleistungen reduziert darstellt.3
 
In der Konsequenz aus schon weitgehend ausgeschöpften (und möglicherweise künftig weiter sinkenden4) innerfamiliären Unterstützungspotenzialen und einem auf Kernaufga-ben beschränkten Pflegesystem  ergeben sich demzufolge insbesondere Versorgungs-lücken im Bereich der einfachen Alltagsunterstützung (haushaltsnahe Dienstleistungen), in  der Unterstützung einer möglichst aktiven Lebensführung (soziale  Kontakte,  Freizeit- gestaltung, Bewegung/ Sport, sinnstiftende Betätigung) und der kurzfristigen Unterstüt- zung im akuten Bedarfsfall. Diese Aspekte bilden somit auch den Rahmen der im Ar-beitskreis behandelten Themen Quartierskonzepte als Lösung für  den ländlichen Raum.
 
Seit einigen Jahren besteht (nahezu) ein Konsens, dass zur Schließung derartiger Ver-sorgungslücken eine kleinräumige Vernetzung und bedarfsgerechte Ausgestaltung un-terschiedlicher   Leistungen  erfolgen  muss.  Dies  verbindet  sich insbesondere mit dem Begriff des Quartiers  und  der  Quartierskonzepte.  Diese Grundlinie in der Argumen-tation findet sich sowohl  bei  Wohlfahrtsverbänden als  auch  bei  Kommunalverbänden  und  nicht zuletzt bei Bund und Ländern.5
 
Grundlegend  ist  dabei,  dass  aus  dem  Quartier  heraus  spezifische  Lösungen für  die  jeweiligen  Bedarfe  gesucht  werden und diese Suche an den jeweils vorhandenen bzw. für das Quartier mobilisierbaren Potenzialen ansetzt. Konkret bedeutet dies: „Jemand“ muss die Bedarfssituation vor Ort bzw. im Quartier / Dorf erkunden und Ideen entwickeln, wie vorhandene sozialstaatliche Leistungs- und Finanzierungsstränge wirt-schaftlich und organisatorisch eingebunden werden können. Hierzu müssen Partner (z. B. Wohlfahrtsverbände) angesprochen, überzeugt, koordiniert und ggf. Kooperations-verträge ausgehandelt werden. Nicht minder wichtig ist es in der Regel, geeignete Räume zu finden, sie herzurichten (als Treffpunkte, für spezifische Angebote oder als altersgerechter Wohnraum) und für deren langfristige Bewirtschaftung eine geeignete Lösung / Trägerschaft aufzubauen. Schließlich leben derartige Quartierskonzepte von der Einbindung ehrenamtlicher Potenziale und vom Aufbau guter Nachbarschaften (informelle Nachbarschaftshilfe). Dabei geht es nur vordergründig um Kosteneinsparung. Mindestens ebenso wichtig ist die sinnstiftende und ggf. sogar salutogenetisch, d.h. auf den Prozeß der Gesundheit gerichtete wirksame Aktivierung der Bewohner.
 
Schon aus dieser sehr kursorischen Beschreibung wird deutlich, dass die Entwicklung und Umsetzung von Quartierskonzepten für das Leben und Wohnen im Alter mit einem erheblichen Aufwand und hohen Qualifikationsanforderungen verbunden ist. Die mittler-weile dokumentierten guten Beispiele (z. B. im Netzwerk SONG) verdeutlichen einerseits die Tragfähigkeit des Quartiersansatzes, führen aber auch zu der These, dass die Ver-breitung und vielfache Nachahmung derartiger Quartierskonzepte nicht allein durch  den Vorbildeffekt der guten Beispiele in  Gang kommt. Entscheidend ist, dass der Organi-sations- und Vernetzungsaufwand im Einzelfall hoch bleibt und vor Ort „jemand“ ge-funden werden muss, der diesen Aufwand schultert. Insofern sind die Entstehungs-bedingungen der vorhandenen Beispiele hinsichtlich Motivation und Leistungsfähigkeit zu beachten: Einmal handelt es sich um Beispiele, die im Umfeld des Netzwerkes SONG entstanden und insofern von dem damit verbundenen fachpolitischen Pioniergeist ge-tragen werden. In anderen, eher von der Bürgerschaft organisierten Fällen sind es wie bei der Seniorengenossenschaft Riedlingen außergewöhnliche, in den handelnden Per-sonen begründete Konstellationen. Beides kann kaum die Grundlage einer Übertrag-barkeit und einer entsprechenden Verbreitung bzw. Regelanwendung sein.<<

 

Der Glaube an "Best-Practice" als Problemlösungs- oder Werbestrategie erscheint vor dem Hintergrund der Alltagserfahrung naiv (siehe http://fuehrung-erfahren.de/2015/01/best-practice-organisierte-verantwortungslosigkeit/). Und tatsächlich lassen sich Best-Practice-Beispiele nur bei eindimensionalen Teilprozessen mit hoher Er-folgssicherheit auf andere Anwendungsbereiche übertragen (z.B.: Wie kann ich Ein-satzpläne oder Zeitpunkte-Abrechnungen eines Generationenhilfe-Vereins mittels ei-ner PC-Software rationalisieren?).

Die "Best-Practice-Inflation" auf allen gesellschaftlichen Ebenen muss von daher kritisch hinterfragt werden. Realistischer wäre es, auch bei der Gründung von Generationenhilfe-Projekten die Notwendigkeit professioneller Beratung in den Vor-dergrund zu stellen, wie es im Bereich der Existenzgründer-Programme längst gang und gäbe ist. Nicht zufällig werden hier die Beratungskosten ganz selbstverständlich in die Finanzierung der Existenzgründung (Starthilfe) einbezogen.