Anknüpfen an MORO

Von 'Moro' zum Modellvorhaben „Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen“

 

1. Ergebnisse und Handlungsempfehlungen aus dem MORO-Prozess

Erinnern Sie sich noch an das Aktionsprogramm "Regionalstrategie Daseinsvor-sorge (MORO)", ein Modellprojekt des BMVBS (Bundesministerium für... ja, was eigentlich?) Hier ein Link auf einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 2011.

Der Vogelsbergkreis war damals eine von 21 Modellregionen. Die "Ergebnisse und Empfehlungen" aus dem Projekt werden seit 2013 unter dem Titel "Zukunft Vulkan Vogelsberg" zum Download angeboten, eine Bilanz des Ministeriums folgte im Jahr 2015.

Am 29.03.2016 stellte Landrat Görig das Modellprojekt "Langfristige Sicherung der Daseinsvorsorge und Mobilität in Ländlichen Räumen" vor, für das sich der Vogels-bergkreis als einzige hessische Region in einem Wettbewerbsverfahren qualifiziert hatte. Ausdrücklich wurde hierbei auf die "Erkenntnisse aus dem umfangreichen MORO-Prozess" verwiesen, die man "sehr gut verwenden könne". Dies gelte auch für das MORO-Anschlussprojekt "E-Mobilität im Vogelsbergkreis - Neue Wege der Mobilität", mit dessen Planung ab Frühjahr 2014 begonnen wurde und das mit dem ersten Quartal 2016 auslief. In diesem Zusammenhang fällt der hohe Stellenwert ins Auge, der der Bürgerbeteiligung zugewiesen wird. Zitat: "Individuelle Lösungen vor Ort benötigten im Vorfeld und dann natürlich in der Praxis das aktive Mittun der Bürgerinnen und Bürger."

Grund genug, sich noch einmal die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen aus dem MORO-Projekt in Erinnerung zu rufen, an die mit dem neuen Modellvorhaben angeknüpft werden soll. Unter den Gesichtspunkten Versorgungssicherung und Mo-bilität, die das Modellvorhaben des BMVI in den Vordergrund rückt, sind insbeson-dere die Ergebnisse der "AG Technische Infrastruktur und Siedlungsentwick-lung" von Interesse (vgl. den Link Thematische Ergebnisplakate zum Prozess im Vogelsbergkreis). Hier waren die 186 Ortsteile des Landkreises nach den Kriterien "Erreichbarkeit von Infrastruktureirichtungen der Daseinsvorsorge" (Gewichtung 70%) und "Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen" (Gewichtung 30%) in fünf Kategorien der Standortqualität eingeteilt worden, wobei die "starken Orte" der Kategorien A und B perspektivisch weiter im Sinne von "Versorgungszentren" ausgebaut und ihre Erreichbarkeit verbessert werden sollte, während weniger standortbegünstigte Orts-teile bestenfalls in ihrer derzeitigen Situation stabilisiert bzw. mit alternativer bzw. subsidiärer (ehrenamtliches Engagement!) Infrastruktur ausgestattet werden sollten. Dies liest sich dann folgendermaßen:

  • Starke Orte (Typ A und B) weiter stärken, hier die Entwicklungs-möglichkeiten (als Innenentwicklung) auch planerisch absichern und gleichzeitig die Erreichbarkeit erhöhen.
  • Infrastrukturen in Orten des Typs C möglichst erhalten. Wo dies nicht möglich ist, Alternativen entwickeln und umsetzen, mindestens jedoch die Erreichbarkeit zu den nächstgelegenen Infrastrukturen verbes-sern.
  • Für die Orte des Typs D und E, neue Modelle und Ansätze mit bür-gerschaftlich getragenem Engagement entwickeln und umsetzen. Dies können z.B. Cafés und Begegnungsstätten in den Dorfgemein-schaftshäusern oder alternative Formen der Kinderbetreuung sein, sofern diese neuen Angebotsformen nicht zur Schwächung der Orte des Typs A bis C führen.
  • Entwicklung und Umsetzung neuer Modelle mit intelligenter Ver-knüpfung verschiedener Mobilitätsformen (multimodale Mobilität) durch regionale Mitfahrgelegenheiten, Bürgerbusse, Elektromobilität als CarSharing-Modell.

Unter der Überschrift "Umsetzung und Verstetigung [der Ergebnisse und Hand-lungsempfehlungen] der Modellregionen" zieht Johann Kaether im Auftrag des BMVBS eine Gesamtbilanz der im Rahmen des MORO-Prozesses entwickelten Re-gionalstrategien (MORO-Informationen 10/6 – 11/2015, S. 4 - 9). in den beteiligten Mo-dellregionen. Er stellt dabei erhebliche Unterschiede in der Verbindlichkeit und Detailliertheit der Handlungsempfehlungen, der Verstetigung der geschaffenen ad-ministrativen bzw. kooperativen Strukturen sowie der Umsetzung der Ergebnisse in Form von formellen Planungen, Kozepten und Projekten fest. Sein Fazit (Hervor-hebungen U.L.):

Für den Erfolg von kooperativen regionalen Strategieprozessen wie der Regional-strategie Daseinsvorsorge sind Koordination und Management von entscheidender Be-deutung, dies nicht nur während des Prozesses der Regionalstrategie, sondern auch darüber hinaus in der Phase der Implementierung der Ergebnisse und der Fortführung der Prozesse. Ein solches Management erfordert neben fachlichen Kompetenzen v. a. personelle und finanzielle Ressourcen. Hier bestehen jedoch auf der Ebene der Regionen Restriktionen. Einerseits sind die finanziellen Mittel der Kommunen durch die Regel- und Pflichtaufgaben gefesselt. Andererseits herrscht an zentralen Stellen der Ko-ordination Fluktuation und eine fehlende personelle Kontinuität in der (Fach-)Verwaltung. Wenige Modellregionen haben in diesem Zusammenhang weiterführende Lö-sungen gefunden, die einen tragfähigen Eindruck machen. Dennoch zeigt sich nach jetzigem Kenntnisstand, dass es in den meisten Modellregionen des Aktionsprogramms neben den Pilotprojekten vielfältige Aktivitäten zur Umsetzung der in den Regional-strategien festgehaltenen strategischen Handlungsempfehlungen sowie der Nutzung der erarbeiteten Datengrundlagen gibt. Die größte Bedeutung haben dabei Konzepte im Zusammenhang mit (investiven) Förderprogrammen der ländlichen Entwicklung wie LEADER-Konzepte oder Integrierte ländliche Entwicklungskonzepte sowie Projekte, die aus Förder- oder Modellprogrammen der Länder unterstützt werden. Insofern ist davon auszugehen, dass auch mittelfristig einige der erarbeiteten Handlungsempfehlungen konkret in den Regionen umgesetzt werden.
 
Anja Neubauer und Peter Dehne gehen am selben Ort unter dem Titel "Pilotprojekte im Aktionsprogramm - Ergebnisse, Erfahrungen, Erfolgsfaktoren" (MORO-Informa-tionen 10/6 – 11/2015, S. 14-23) der Frage nach, in welcher Weise die einzelnen Modellregionen die entwickelten Regionalstrategien durch weitere konzeptionelle oder operative Maßnahmen (z.B. Wettbewerbe über Konzepte, Machbarkeitsstudien und Bedarfsanalysen bis hin zu Schulungen, begleitender Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerkbildung, Veranstaltungen, Webplattformen, Beratungs- und innovative Be-teiligungsformate) ergänzt haben, für die weitere Fördergelder beantragt werden konnten, sofern nachfolgende Kriterien erfüllt waren:
  • Bezug zur Regionalstrategie,
  • Beteiligung der Bürger,
  • Innovationsgehalt,
  • Vernetzung,
  • gute Realisierungschancen,
  • Nachhaltigkeit und
  • Forschungsrelevanz der Projekte.

Die Ausschreibung dieser Pilotprojekte von jeweils 17-monatiger Dauer verfolgte das Ziel, "die Regionalstrategien weiter in die Region hineinzutragen, ihre Bekannt-heit und Akzeptanz zu erhöhen, zum Mitmachen zu motivieren und die bereits Beteiligten zu stärken, am Ball zu bleiben."

Der Vogelsbergkreis erhielt eine Förderung von 30.000 Euro (aufgestockt durch weitere Mittel des Landes Hessen) für die drei Pilotprojekte "Kaff-Mobil", "Unterneh-mensnetzwerk Fachkräftesicherung" sowie "Elektro-Mobilität im Vogelsbergkreis - neue Wege der Mobilität". Lediglich für das letztgenannte liegt eine Auswertung (Zwischenergebnisse) im Rahmen der Bilanz des BMVBS vor.

Hier zeigt sich nun aber eine erhebliche Diskrepanz zu den genannten Förder-kriterien, insbesondere im Hinblick auf den Bezug zur Regionalstrategie, In-novationsgehalt, Nachhaltigkeit und Forschungsrelevanz. Es befremdet doch ganz erheblich, dass im Hinblick auf die gravierenden Herausforderungen, die sich aus der Bestandsaufnahme zur Regionalstrategie ergeben [z.B. Modernisierungsbedarf der technischen Infrastruktur, disperse Siedlungsstruktur, intelligente Verknüpfung neuer Mobilitätsformen (multimodale Mobilität), Leerstandsvermeidung, Defizite im Bereich der Kurzzeit- und Tagespflege, neue Wohnformen für Senioren, Unter-stützungsstrukturen für pflegende Angehörige usw., usw.] offenbar keine relevan-teren Projektthemen gefunden werden konnten als "Kaffmobil" und "Elekto-Auto".

Im Grunde setzt das "Pilotprojekt E-Mobilität" auf billige Neugier-Effekte, die sich schnell abnutzen. Eine besondere Schwäche zeigt sich im Hinblick auf seine Nach-haltigkeit. Die Anschaffungskosten der drei eingesetzten Elektro-Kleinwagen sind unverhältnismäßig hoch und ausschließlich durch öffentliche Zuschüsse abgedeckt, die Transportkapazität ist aufgrund der geringen Zahl der Sitzplätze und des durch die beschränkte Ladekapazität/lange Ladezeit der Batterien bedingten Einschrän-kungen von Betriebszeit und Aktionsradius lächerlich gering (nur 1-3 Nutzer pro Tag), das ganze Konzept vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt aus (Nutzung zum Nulltarif, Reinigung auf Spendenbasis) ein absolutes Fiasko.

Warum hier Car-Sharing und Nachbarschaftshilfe ausgerechnet zu unwirtschaft-lichsten Bedingungen unterstützt werden sollen (der Steuerzahler zahlt's ja!), kann an keiner Stelle plausibel vermittelt werden. Der Satz "E-Mobilität wird in ländlichen Regionen Deutschlands mittlerweile als Chance gesehen, um die Mobilität abseits der großen Städte zu sichern." (vgl. Matthias Sebald, Dr. Michael Glatthaar: "E-Mobilität im Vogelsberg – neue Wege der Mobilität"; MORO-Informationen 10/6 – 11/2015, S. 24/25) ist an Plattheit kaum zu überbieten.

Natürlich ist dem gewollt inhaltsschwere Problemaufriss

"Im mit 106.000  Einwohnern vergleichsweise dünn besiedelten Vogelsbergkreis (Hes-sen) stellt die Sicherung der Mobilität insbesondere für Jugendliche und ältere Menschen, die noch nicht oder nicht mehr über einen eigenen PKW verfügen, eine große Herausforderung dar. Daher sind Ideen und Diskussionen in der Region zu alternativen Mobilitätsformen in Ergänzung zum vom Schülerverkehr dominierten ÖPNV nicht neu. Gerade der Anpassungsdruck auf den ÖPNV aufgrund von Finanzierungs-engpässen, sinkenden Schülerzahlen und veränderten Nutzerverhaltens bietet eine gute Grundlage, um den ÖPNV ergänzend mit individuellen und alternativen Mobilitäts-lösungen (Car-Sharing, Bürgerbusse, Hol- und Bringdienste, Mitfahrgelegenheiten etc.) zukunftsfähig auszurichten."  

kaum zu widersprechen. Wenn dann allerdings der Versuch gemacht wird, gespon-serte Elektro-Kleinwagen als ideale Problemlösung zu präsentieren und die Voraus-setzungen ihres Einsatz gar zum "Forschungsprojekt" hochzustilisieren, 

"Um die geeigneten Lösungen für die Region zu finden, müssen diese konzipiert und erprobt werden. Der Vogelsbergkreis hat daher im Rahmen der Regionalstrategie Daseinsvorsorge (MORO) ein Projekt entwickelt, in dem die Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz und die Potenziale von E-Mobilität bei der Sicherung der Mobilität im ländlichen Raum untersucht und erprobt werden. Dafür werden mit Car-Sharing, d.h. einem Dorf- oder Bürgerauto, und einem an eine Nachbarschaftshilfe angegliederten Hol- und Bringdienst zwei alternative Mobilitätskonzepte als zunächst lokale Ansätze auf Tragfähigkeit und Übertragbarkeit geprüft."    

vermag man diesem alogischen Geschwurbel kaum mehr zu folgen. Weder unter betriebswirtschaftlichen noch unter verkehrstechnischen oder sonstigen Gesichts-punkten findet sich auch nur ein zwingendes Argument für den Einsatz von Elektro-autos. Und um herauszufinden, dass Elektroautos - so sie denn rechtzeitig aufge-laden wurden - auch in den Gemeinden Hopfmannsfeld, Nieder-Gmünden und Schotten ihren Dienst verrichten können (Zitat: "Die Alltagstauglichkeit ist voll und ganz gegeben. Die Zufriedenheit mit Fahrkomfort und technischer Ausstattung ist hoch." Donnerwetter!) oder dass es im Vogelsbergkreis nicht genügend Schnelllade-stationen gibt (Zitat: "Zentraler Schwachpunkt ist die fehlende flächendeckende Ladeinfrastruktur im ländlichen Raum sowie das System unterschiedlicher E-Lade-Infrastrukturen." Ja, wer hätte einen solchen Missstand vermutet!) bedarf es weder eines praktischen Feldversuchs noch der Begleitforschung der Universität Frankfurt. Das erinnert fatal an das berüchtigte Forschungsprojekt einer Fachhochschule, mit dem nachgewiesen wurde, dass Säue stärker in die Höhe und die Länge als in die Breite wachsen. Dem Anliegen, die Entwicklung von Problemregionen fachlich zu begleiten und zu unterstützen, erweist man durch derartigen Nonsense einen Bärendienst!

Um so wichtiger ist es, das Potenzial des Modellvorhabens "Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität im ländlichen Raum" als ideales Anschlussprojekt zu MORO voll zu nutzen. 

 

2. Ziele des Modellvorhabens "Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen"
  • Beitrag zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen auch in Zeiten des demografischen Wandels

  • Unterstützung der Modellregionen bei der Aufgabe, Daseinsvorsorge, Nahversorgung und Mobilität besser zu verknüpfen, um die Lebens-qualität in der Region zu verbessern und wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen.

  • Erarbeitung innovativer Konzepte, mit denen in Zukunft sowohl die Daseinsvorsorge und Nahversorgung als auch die Mobilität gewähr-leistet werden können.

  • Zusammenführung verkehrsplanerischer Ansätze mit der Standort-planung von Versorgungseinrichtungen

  • Mittel- bis langfristige Bündelung der Angebote der Daseins-vorsorge an räumlich möglichst günstigen Standorten ("Kooperationsraum-Konzept"), um damit deren wirtschaftliche Tragfähigkeit und Erreich-barkeit langfristig sicherzustellen.

  • Kürzerfristige Entwicklung eines integrierten Mobilitätskonzepts, das die Mobilitätsangebote auf die vorhandene Verteilung der Daseins-vorsorgeeinrichtungen ausrichtet und so flexibel ist, dass es jederzeit an die Umsetzung des "Kooperationsraum-Konzepts" angepasst wer-den kann.

 

3. Adaption des Modellvorhabens durch den Vogelsbergkreis

  • Ziel des Vogelsbergkreises ist die Erarbeitung von Kooperations-raumkonzepten für zwei bis vier Beispielräume, welche einen inte-grativen Ansatz verfolgen.
  • Die Zukunftsfähigkeit der Standorte und die heutige Erreichbarkeit der Daseinsvorsorgeeinrichtungen sollen analysiert sowie interkommu-nale Handlungsempfehlungen für die Zukunft abgeleitet werden.
  • Es soll herausgefunden werden, wie Versorgung und Mobilität auch im ländlichen Raum verbessert werden können.
  • "Vernetzte dezentrale Konzentration"; Denken in kleinen Einheiten (so genannten "Kooperationsräumen"); keine neuen großen Linien und Achsen, sondern Lösungen für Probleme wie „Wie komme ich von meinem Ort in meinen Nachbarort, weil dort die Arztpraxis ist".
  • Auf Basis des vorhandenen ÖPNV-Netzes und in Kombination mit alternativen Mobilitätsformen wird ein integriertes Mobilitätskonzept für den gesamten Landkreis entstehen.
  • Ein Schwerpunkt wird u.a. auf wenig mobile oder immobile Bevölke-rungsgruppen liegen.
  • Das investive Projekt "Multimodale Mobilität konkret" verknüpft An-sätze von Mobilitätsmanagement, Information, Initiierung, Beratung sowie Vernetzung
  • und erprobt neue nutzerorientierte Mobilitätsangebote auf koopera-tionsräumlicher Ebene.
  • Des Weiteren wird eine Image- und Kommunikationsstrategie zur Er-höhung der Bekanntheit, zur Umsetzung innovativer Ansätze sowie zur Überprüfung der Akzeptanz von Mobilitätsangeboten in der Ge-sellschaft erarbeitet.
  • Gestützt wird das Vorhaben von einem diskursiven Beteiligungs-prozess mit allen relevanten Akteuren der Daseinsvorsorge (Bür-gerinnen und Bürger, Initiativen und Verbände, Wirtschaftsakteure sowie politische Vertreter).

Quelle: https://www.vogelsbergkreis.de/BMVI-Modellvorhaben.1012.0.html